Jürgen Ehrlich ist Landengel in den Seltenrain-Dörfern

(Bericht der Thüringer Allgemeinen vom 11. Aprl 2019 von Sabine Spitzer)

Der 72-Jährige ist einer von sechs Ehrenamtlichen, die das Projekt als Fahrer unterstützen, damit Senioren mobil sind.

Jürgen Ehrlich fährt auch am gestrigen Dienstag die Senioren nach Bad Langensalza – und wieder zurück. Meist ist der Kleinbus voll. Foto: Daniel Volkmann

Jürgen Ehrlich fährt auch am gestrigen Dienstag die Senioren nach Bad Langensalza – und wieder zurück. Meist ist der Kleinbus voll. Foto: Daniel Volkmann

Kirchheilingen. Es ist kurz vor zwölf am Mittwoch, als Jürgen Ehrlich mit dem Fiat-Bus um die Marktstraßen-Ecke in Bad Langensalza biegt. Ein Seniorinnen-Grüppchen mit ­prall gefüllten Taschen erwartet ihn. Während er ihre Einkäufe im Kofferraum verstaut, gurten sich die Frauen im Auto schon an und werten lachend den Markttag aus.

 

Jürgen Ehrlich ist ein Landengel. Vor zwei Jahren wurde das Projekt in Kirchheilingen ins Leben gerufen. Er hob es mit aus der Taufe – wie auch die „Stiftung Landleben“, unter deren Dach „Die Landengel“ samt eigens gegründeten Verein angesiedelt sind. Ziel des Projektes ist es, ein regionales Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsnetzwerk aufzubauen.

 

Was in der Beschreibung so theoretisch klingt, ist für Jürgen Ehrlich in der Praxis sein „Herzblut“, wie er sagt. Der 72-Jährige ist einer von sechs Ehrenamtlichen, die Senioren zu Ärzten und anderen Terminen chauffieren. Auch Fahrten zum Einkaufen nach Bad Langensalza , zur Friederiken-Therme und zum Kaffeeklatsch in Kirchheilingen werden angeboten – für alle sieben Seltenrain-Dörfer.

Ehrlich war 32 Jahre Bürgermeister in Sundhausen . „Das Autofahren ist meine Welt“, sagt der gelernte Berufskraftfahrer. Die Senioren fährt er gern. Auch weil er weiß, wie wichtig Mobilität für Ältere ist. „Teilweise hatten die Senioren schlaflose Nächte, weil sie nicht wussten, wie sie zu ihren Arztterminen kommen“, weiß er von Berichten seiner Fahrgäste.

Fahrten zu Arzt- und anderen Therapieterminen machen derzeit auch den größten Anteil beim „Landengel“ aus. „Der Bedarf ist enorm“, berichtet Projektleiter Christoph Kaufmann . Alle Termine zu koordinieren, sei eine ziemliche Herausforderung. Denn es zeige sich, dass viele Senioren nur zwischen Arzt-, Physio- oder den für Diabetiker wichtige Fußpflegebehandlungen leben. „Der Terminkalender der älteren Menschen ist straff getaktet“, berichtet er aus den Erfahrungen.

Der „Landengel“-Verein hat laut Kaufmann inzwischen eine gute Basis aufgebaut. Derzeit sind es 140 Mitglieder aus den sieben Seltenrain-Dörfern. Um die Dienste in Anspruch nehmen zu können, müssen die Senioren Mitglied sein und einen Jahresbeitrag von zwölf Euro zahlen.

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda gewinnt der „Landengel“ immer mehr Zulauf. „Anfangs habe ich noch die Senioren zu Hause aufgesucht und für das Projekt geworben“, erinnert sich Kaufmann an den Projektbeginn 2016.

Einige seiner Arbeiten hat ihm inzwischen die Dorfkümmerin Estella Ehrich-Schmöller abgenommen, deren Aufgabengebiet Schnittstellen mit dem „Landengel“ hat. „Wir sind auf einem guten Weg“, ist Kaufmann sicher. Denn demnächst sollen Betreuungsangebote gemacht werden. „Wir sind hier noch in der Anfangsphase“, erklärt Kaufmann . Einige Ehrenamtliche wurden bereits zu Pflegebegleitern ausgebildet.

Die „Landengel“-Fahrdienste sind bisher einzigartig in der Region. Außer Jürgen Ehrlich sind Hagen Größl , Horst Bergmann , Roland Sola, Volker Nachtwey und Günter Gräfe dabei.

„Mir macht es Spaß“, sagt Ehrlich , „und man hat das Gefühl, dass man noch gebraucht wird.“ Aber irgendwann einmal will auch er die Fahrdienste vom „Landengel“ nutzen.

Sabine Spitzer / 11.04.19