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ENGAGIERT FÜRS DORF

(Interview mit Frank Baumgarten, Auszug aus dem IBA Magazin Mai 2019, www.iba-thueringen.de)

Der Verein Landengel will ein Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsnetzwerk in der Region Seltenrain aufbauen. Dazu sollen die Dienstleister vor Ort enger und auch räumlich verknüpft werden, sagt Frank Baumgarten. Der Vorsitzende der Stiftung Landleben, die das Projekt initiiert hat, will so auch die Dörfer weiter lebendig halten und dem demografischen Wandel entgegenwirken.

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Herr Baumgarten, Sie sind Landwirt, Vorstand der Agrargenossenschaft e.!G. Kirchheilingen und Vorsitzender der Stiftung Landleben, die die Lebensqualität auf dem Land in allen Belangen verbessern soll. Woher nehmen Sie die Motivation für Ihr Engagement?

 Ich bin hier aufgewachsen, lebe schon immer hier und möchte, dass sich alle Menschen so wohlfühlen wie ich. Hinzu kommt sicherlich, dass wir als Agrargenossenschaft als Nachfolgerin einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) viel Verantwortung für unsere Gemeinden

und die Menschen hier spüren. Mitte der 1970er-Jahre wurde alles, was in Thüringen auf den Dörfern schieflief, auf die LPGs abgewälzt. Unsere hatte damals 700 Mitglieder und musste über den landwirtschaftlichen Betrieb hinaus die Aufgabe übernehmen, für die Gemeinschaft zu sorgen.

 Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

 Die Dörfer können in Zukunft nur noch dann funktionieren, wenn hier bestimmte Leistungen für Jung und Alt angeboten werden. Sonst ziehen die Menschen weg. So einfach ist das. Wir haben im Jahr 2011 die ›Stiftung Landleben‹ gegründet, die Hilfe zur Selbsthilfe bietet, vor allem rund um die Gemeinden Kirchheilingen, Blankenburg, Sundhausen und Tottleben. Damit haben wir unter anderem den Bau von Mehrgenerationenhäusern und acht barrierefreien Bungalows für ältere Menschen angestoßen und gefördert. Außerdem haben wir uns dafür eingesetzt, dass die Schule in Kirchheilingen wieder geöffnet werden konnte.Nun wollen wir in der Region ein Gesundheits-, Versorgungs- und Pflegenetzwerk namens ›Landengel‹ auf bauen, das auch von der IBA betreut wird.

 Warum engagieren Sie sich genau in dem Bereich?

 Auch dabei können wir noch einmal einen Blick zurückwerfen. In der DDR gab es überall auf dem Land sogenannte Landambulatorien, in denen mehrere Ärzte angesiedelt waren. Nach der Wende wurde das Haus zwar weitergeführt, die ansässigen Ärzte sagen aber wie in allen ländlichen

Regionen, dass sich der Betrieb für sie nicht mehr lohne, weil zu wenige Patientinnen und Patienten kommen. Wir wollen daran etwas ändern, indem wir übergreifender denken und handeln, mit mehreren Gemeinden zusammen und mit interessanten Konzepten.

 Woher nehmen Sie das Know-how dafür?

 Aus der Region kommt ein versierter Gesundheitsmanager, Christopher Kaufmann, der das Projekt Landengel leitet. Gemeinsam haben wir überlegt, wie wir erst einmal herausfinden, was die Menschen benötigen. Christopher hat dazu eine ›Sofastudie‹ entwickelt. Er hat alle Personen

über 60 Jahren angeschrieben und angekündigt, dass wir eine Befragung machen möchten. Viele haben sich beteiligt, und dabei hat sich herausgestellt, dass es den Menschen vor allem um Beratung, Mobilität und Betreuung geht, von Hilfe im Alltag über den Umgang mit Ämtern bis zu Fahrten wie zu Ärzten, Einkäufen oder kulturellen Veranstaltungen. Besonders interessant fanden wir, dass sich viele der Befragten eine Gemeindeschwester wünschten — auch ein Modell aus DDR-Zeiten.

 Was verbinden die Menschen mit einer solchen Position?

 Sie konnten sich zu bestimmten Zeiten an diese Schwester wenden, die im Dorf ansässig war. Die Gemeindeschwester kann Blutdruck messen, kleine Verletzungen behandeln, in die Kindergärten gehen und dort die Schuleinführungsuntersuchung strukturieren oder einfach mit den Menschen über ihre Sorgen reden. Das ist aber eine Vision, für die erst viele kleine und große, auch rechtliche Fragen geklärt werden müssten, was viel Aufwand bedeutet. Wir haben zudem ein größeres System im Sinn, mit vielen Dienstleistungen, die sich ergänzen. Das Thema Pflege gehört auch dazu: Wenn wir durch die Dörfer fahren, fällt uns immer wieder auf, dass dort viele verschiedene Autos von unterschiedlichen Pflegedienstanbietern parken. Jeder kann sich ja selbst aussuchen, wo er seine Pflege bucht — aber ökonomisch sinnvoll ist das nicht.

 Sie sprechen vom Geld: Wie groß ist das Potenzial in ihrer Region?

 Pro Jahr und Einwohner werden in Deutschland zwischen 4.000 und 6.000 Euro im Bereich Gesundheit und Pflege ausgegeben. Das sind für die rund 2.100 Einwohner in unseren Dörfern pro Jahr zwischen 8 und 12 Millionen Euro. Wir fragten uns also: Wo genau geht das hin? Was haben die Menschenvor Ort konkret davon? Wie lässt sich das besser gestalten und lenken? Wo bleibt die Wertschöpfung vor Ort?

Sie müssen jedoch erst einmal investieren. Wie haben Sie sich das Geld beschafft?

 Wir haben ein dreijähriges ›EU-Förderprogramm für Kooperationen im ländlichen Raum‹ beantragt und die Förderung auch bekommen. So konnten wir schon einmal drei Jahre lang 80 Prozent der Personalkosten von Christopher Kaufmann abdecken. Für den Eigenanteil der restlichen 20 Prozent haben wir Kooperationspartner im Ort gesucht, die jeweils so viel beisteuern, wie sie können — eben die Dienstleister, die später auch wieder von einem größeren System profitieren würden.

 Wann kam die IBA ins Spiel?

 Wir hatten schon länger Kontakt mit der IBA, der sich aber erst konkretisierte, bis wir unser Konzept der kurzen Wege entwickelt hatten, das schließlich in unser Projekt mündete. Die wichtigste Frage für uns war: Wer kümmert sich bei uns um die Menschen? Die Antwort: die erste Dorfkümmerin Thüringens, die wir nun angestellt haben. Sie bietet Sprechstunden in sechs Dörfern an, managt zum Beispiel Mobilitätsfragen, verknüpft Leute zu Fahrgemeinschaften. Wir haben zum Beispiel auch einen Bus angeschafft und ehrenamtliche Fahrer gefunden, die vor allem die älteren Menschen zu ihren Zielen bringen. Ein weiterer Ansatz des Projektes sind unsere ›Gesundheitskioske‹.

 Was hat es damit auf sich?

 In den jeweiligen Räumen, in denen die Dorfkümmerin arbeitet, könnte ja auch ein Arzt Sprechstunden halten. Diese 30- bis 40-Quadratmetereinheiten, die als Satelliten eines gemeinsamen Systems funktionieren und strukturell zum Landambulatorium gehören, sind einer der Schwerpunkte unseres IBA Vorhabens. Das verstehen wir übrigens als eine Art Labor für Ideen, die nur im Kleinen funktionieren, um herauszufinden, welche Schritte man dafür im Einzelnen gehen muss.

 Kommen wir noch einmal zum Engagement: Was ist der Mehrwert, wenn Bürger, Kommunen und Unternehmer sich zusammenschließen?

 Jeder bringt seine Ideen und seine Fähigkeiten ein, zugleich äußert jeder seine Bedürfnisse. Wir wollen einen Sinneswandel anstoßen: Von »Wir sind nichts wert, wir sind hier nur Provinz.« hin zu »Wir können was, wir sind wertvoll!« Damit wollen wir einen Wert schaffen, zu dem jeder individuell beitragen kann. Der eine ist vielleicht handwerklich geschickt, der nächste kann gut organisieren, wieder ein anderer ist gern bereit, ein paar ältere Damen regelmäßig ins Nachbardorf zum Arzt zu fahren. Die Leute müssen sich gegenseitig helfen. Und das haben wir in den zwei Jahren Projektlaufzeit gesehen: Es gibt dieses Engagement noch. Das an sich ist schon ein eigener kleiner Wert.

Hier geht es zum Original-Auszug aus dem IBA-Magazin Mai 2019 der IBA-Thüringen